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Aktuelles (Pressemitteilungen)

Schlaganfallversorgung in Gefahr

19.11.2018

Die Krankenkassen legen ein Gerichtsurteil zweifelhaft aus und gefährden so die Schlaganfallversorgung im Landkreis Limburg-Weilburg. Leistungskürzungen gefährden die perspektivische Existenz der Stroke Unit der Vitos Klinik für Neurologie Weilmünster. Zudem ist die Klinik - wie viele andere auch - mit Rückzahlungsforderungen insbesondere der AOK-Krankenkasse konfrontiert.

Weilmünster / Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Deshalb sind flächendeckend vorhandene Spezialstationen (Stroke Units) für eine optimale Versorgung der Patienten unabdingbar, vor allem im Hinblick auf die Gesundheitsversorgung der Menschen in allen Regionen des Landes. Aus dem gleichen Grund schreibt der Gesetzgeber auch vor, dass von jeder Stroke Unit aus eine Neurochirurgie und Neuroradiologie innerhalb einer halben Stunde erreicht werden muss, sofern das Krankenhaus diese speziellen Abteilungen nicht selbst hat. So soll eine eventuell notwendige Weiterbehandlung jenseits der Stroke Unit innerhalb kurzer Zeit garantiert werden. Dank enger Kooperation mit Kliniken im Rhein-Main-Gebiet, die über einen Hubschrauber in weniger als 30 Minuten erreicht werden können, erfüllt die Schlaganfallspezialstation in Weilmünster dieses Kriterium trotz ländlicher Lage.

Ein Bärendienst für die Patienten

Doch nun treffen satte Rückforderungen der Krankenkassen für vergangene Schlaganfallbehandlungen ein. Die Rückforderungen der AOK betragen bereits 800.000 Euro. Zudem soll die Vergütung der aktuellen Schlaganfallbehandlung massiv gekürzt werden. Als Begründung verweisen die Kassen auf ein umstrittenes Urteil des Bundessozialgerichts von Juni dieses Jahres. Darin wird der Begriff der halbstündigen Transportentfernung völlig überraschend neu und in Widerspruch zu den gültigen Definitionen sämtlicher medizinischer Fachgesellschaften interpretiert. Demnach beginnt die halbe Stunde Transportzeit bereits dann zu laufen, wenn die Entscheidung zu einer Patientenverlegung getroffen wird und nicht erst mit Beginn des Transportes. Was auf den ersten Blick vielleicht als Verbesserung für die Patientenversorgung durch Zeitminimierung gedacht war, erweist sich als Bärendienst. Denn die Stroke Units bekommen von den Krankenkassen deutlich weniger Geld für die Schlaganfallbehandlung, wenn sie diese Vorgabe nicht einhalten. Doch dazu müsste sich eine Neurochirurgie - und über eine solche verfügen die wenigsten Krankenhäuser in Hessen - in unmittelbarer Nähe befinden. Aber ohne eine angemessene Vergütung kann eine Schlaganfallkomplexbehandlung in der notwendigen Qualität nicht mehr gewährleistet werden.

Geschäftsführer Engelhardt sieht Versorgung der Patienten in der Region akut gefährdet

Geschäftsführer Martin Engelhardt erläutert: "Die Stroke Unit ist neben unserer Intensivstation eine der Stationen mit den höchsten Vorhaltekosten, vor allem für ärztliches und pflegerisches Personal. Wird nun die Vergütung für diesen Bereich so massiv reduziert, sind die Strukturen so nicht aufrecht zu erhalten. Selbst für eine der größten neurologischen Kliniken in Deutschland, zu denen wir ja nun zählen, sind unter diesen Umständen sowohl die Schlaganfallversorgung in Frage gestellt als auch die Versorgung der Patienten der Region akut gefährdet." Klinikdirektor PD Dr. med. Christoph Best ergänzt: "Für die Patienten bedeuten wegfallende Stroke Units eine längere Transportzeit bis zur Erstversorgung. Konkret wird so das Risiko für Folgeschäden deutlich erhöht, denn beim Schlaganfall gilt der Grundsatz "time is brain". Dies konterkariert unter dem Strich alles, was die neurologischen Fachgesellschaften in den vergangenen Jahren unternommen haben, um Menschen mit Schlaganfall bestmöglich zu versorgen, um Folgeschäden wir Behinderung oder Tod zu reduzieren und Lebensqualität zu erhalten". Der Facharzt für Neurologie weist zudem darauf hin, dass nur etwa 5% der Schlaganfallpatienten eine neurochirurgische oder neuroradiologische Intervention bräuchten. Eine Verkürzung des Verlegungszeitfensters nutzte den Patienten kaum, während im Gegenzug viele Schlaganfallpatienten gefährdet würden.

Existenzbedrohend für Stroke Unit

Die Krankenkassen ignorieren mit ihrer Vorgehensweise klar den Willen des Gesetzgebers. Denn zwischenzeitlich hat eine Behörde im Verantwortungsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit klargestellt, dass sich die halbe Stunde unverändert auf die reine Transportzeit beziehe. Ergänzend dazu hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bereits mehrfach betont, dass das Urteil des BSG keine Auswirkungen auf die Vergangenheit haben könne. Trotzdem nutzt insbesondere die AOK die Situation, um sogar rückwirkend sich Vergütung von Schlaganfallbehandlungen zurückzuholen. Das in den vergangenen Jahren für eine Schlaganfallkomplexbehandlung einvernehmlich in Rechnung gestellte und gezahlte Geld wird kurzerhand bei aktuellen Zahlungen einbehalten. Gerade dieses Vorgehen missbilligt Engelhardt: "Besonders kritisch sehen wir, dass mit aktuellen Forderungen Leistungen verrechnet wurden, die schon vor langer Zeit erbracht wurden. Trotz damals positiver Prüfung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK), wurden sie später wieder aberkannt. Es stellt sich die Frage, wozu die Kassen hohe Summen in Rechnungsprüfungen in Form des MDK investieren, wenn die Prüfkriterien im Nachhinein in Frage gestellt werden. In unseren Augen ist das eher eine Verschwendung von Beitragsgeldern. Diese Mittel werden der Patientenversorgung entzogen."

Zusammenfassend konstatiert er: "Die Kassen provozieren eine Existenzbedrohung der Einrichtungen, gefährden die flächendeckende Schlaganfallbehandlung und nehmen damit gravierende Nachteile für die Patienten billigend in Kauf."